Topless Meetings
9. Juni 2008 | Pamela Moucha
Seit einiger Zeit kursiert eine neue Idee durch amerikanische Chefetagen und Companys: Arbeitsbesprechungen, Teamsitzungen und Präsentationen seien ab jetzt nur noch in Form von “topless Meetings” erlaubt. Irritiert wird sich so mancher und mehr noch so manche fragen, ob dies im Zuge einer überraschenden Libertinage der amerikanischen Gesellschaft etwa bedeute, man konferiere ab jetzt nur noch oben ohne?…
Dieser Gedanke kann im Wissen um die Prüderie der amerikanischen Gesellschaft gleich wieder verworfen werden. Nein, nicht ohne Oberhemd, sondern ohne ‚Lap-Top’ sollen Meetings zukünftig abgehalten werden. Denn diese und artverwandte Gadgets wie iPhone, Sidekick und Blackberry verderben die ohnehin nicht sonderlich gute Kommunikationskultur, die gemeinhin in Sitzungen dieser Art herrscht. Da werden während der Besprechung eifrig E-Mails gecheckt, wird gechattet, gesimst, gegamed und geblogt. Die Augen auf dem Monitor und auch die Gedanken ganz bestimmt nicht dort, wo sie eigentlich sein sollten – nämlich im Meeting. Daher denkt man in so manchem, vor allem online-nahen Unternehmen daran, Mitarbeitern in Meetings den Gebrauch drahtloser Informationstechnologien gänzlich zu untersagen.
Mit dieser Maßnahme hoffen die Fürstreiter des Topless-Konzepts nicht allein, den Symptomen von geteilter Aufmerksamkeit, mangelnder Konzentration und dadurch bedingter sinkender Produktivität von Meetings erfolgreich entgegenzuwirken. Auch der soziale Faktor, der durch den Einzug der mobilen Online-Services merklich gelitten hat, hofft man durch die verordnete Abstinenz zu stärken. Schließlich handelt es sich auch um eine Frage mangelnder Wertschätzung, wenn einer sich vorbereitet und zu anderen spricht, während die nach Kinoprogramm und den neuesten Börsenkursen googlen.
So in etwa lautet der Tenor einer Diskussion, die im letzten Jahr vor allem durch einen Blogbeitrag mit dem vielsagenden Titel „My personal war against Crackberry“ angestoßen wurde. Der Autor Todd Wilkens, Chef einer Design-Agentur in San Francisco, ist der Ansicht, dass eine effektive Arbeitssitzung kaum noch möglich sei, wenn die Teilnehmenden eben nur teilweise präsent seien. „Unvollständige Aufmerksamkeit führt zu unvollständigen Resultaten“, meint Wilkens und fasst die Inhalte der Topless-Philosophie sogar in einem kleinen Meeting-Knigge zusammen. Regel zwei: Einer muss sich im Namen der Produktivitätssteigerung unbeliebt machen und den anderen ihre mobilen Spielzeuge aus den Rippen ziehen. Aber auch wenn sie zunächst meckern – insgeheim sind die Online-Junkies dankbar dafür, ein paar Stunden von ihrer Sucht befreit worden zu werden.
Den Begriff „topless“ prägte ein Mitarbeiter von Wilkens, Dan Saffer, und zumindest in dieser Firma ist man sich sicher, mit dem neuen Meeting-Credo ein spürbar produktiveres Arbeitsklima, wenn nicht gar eine ganz neue Kommunikationskultur geschaffen zu haben.
Es gibt natürlich auch Gegenstimmen. So meint etwa Selina Lo, die energische Geschäftsführerin eines Wi-Fi-Unternehmens: „Die Leute werden abgelenkt. Das ist soweit okay, wenn es nicht zu ausgedehnt ist.“ Denn, so könnte man Selina Los Aussage ergänzen, wir leben nun einmal in einer Gesellschaft, in der viele Vorgänge parallel laufen: Frühstücken in der Bahn mit den Charts im Ohr und dabei eine SMS an Mutti oder die Headset-Konferenz bei glimmender Zigarette im Stau auf der Autobahn. Multi-Tasker in einer Multitasking-Gesellschaft. Und genau so seien eben auch die Meetings heutzutage, meint Selina Lo.
Eine andere Sicht der Dinge geht noch einen Schritt weiter an die eigentliche Wurzel des Problems. Meetings an und für sich seien Zeitverschwender, langweilig und meist nicht sonderlich produktiv. Da sei es geradezu eine Verführung, die meist wenig ergebnisorientierte Zeit effektiver zu nutzen und beispielsweise E-Mails zu checken. Der Lösungsvorschlag von den grundsätzlich Meetingmüden ist dementsprechend radikal: Nicht ‚topless’ Meetings, nicht ‚less’ meetings, sondern ‚no’ meetings. So sieht das etwa der ehemalige Marketingleiter von Yahoo, Joe Lazarus: „Meetings ohne Laptops machen Sinn. Gar keine Meetings machen noch mehr Sinn.“
Sicherlich können viele Meetings zu Recht als langatmig und unproduktiv bezeichnet werden. Sie aber deshalb ganz abzuschaffen, dürfte auch nicht die beste aller Lösungen sein. Denn man vergesse nicht ihren brechtigten Zweck: Informationsflüsse herzustellen, gemeinsame Entscheidungen zu ermöglichen, Transparenz zu schaffen für ein optimales Ineinandergreifen produktiver Prozesse. Die Beteiligten allerdings zu ungeteilter Aufmerksamkeit zu zwingen, indem man wie einige Unternehmen Besprechungen nur noch unbestuhlt, sprich im Stehen abhält, dürfte als fragliche Maßnahme gelten.
Vermutlich liegt ein sinnvoller Ansatz zur Reform und Rehabilitation des ungeliebten Settings „Meeting“ wie so oft in der goldenen Mitte: Vortragende und Moderatoren in effizientem Vortragsstil zu schulen, Gesprächsbeiträge auf zweckdienliche Einwände zu beschränken sowie klare Zeitvorgaben zu setzen. Und was die mobilen Ablenkungsmanöver betrifft, so könnte man um der gesteigerten Produktivität willen tatsächlich verordnen: topless meetings for top-flight results.
An sich also ein sinnvoller Ansatz, durch das Verbannen von mobilen Ablenkungen für ein Mehr an Fokussierung, Wertschätzung und letztlich auch von Produktivität in und von Meetings zu sorgen. Für dieses Ziel muss man nicht zwingend so weit gehen, wie etwa John Vars, Mitgründer einer amerikanischen Internet-Agentur. Im Bestreben, eine „Kultur der Kooperation“ neu zu begründen, hält er sogar Gesprächsaufzeichnungen für bedenklich. Schließlich sende der Protokollierende beim Aufzeichnen keine „natürlichen menschlichen Signale“ mehr aus, die darauf schließen ließen, dass er dem Vortrag auch tatsächlich folge.
Macht es also Sinn, mit konsequentem Laptop-Entzug auf das Ideal einer kontinuierlich ungeteilten Aufmerksamkeit in Meetings hinzuwirken? Oder sollte man vielleicht etwas konzilianter einräumen: Topless but not dreamless – Googlen und Chatten untersagt, ein paar Minütchen abschweifen und aus dem Fenster gucken aber darf man schon – ganz drahtlos und mobil.
Weiterführende Links
Die 7 Topless-Regeln von Todd Wilkens
Artikel zum Thema:
Jessica Gynn: Meeetings going ‘topless’
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