The Cloud: Die Internet-Revolution ist eine Wolke
26. Juni 2008 | active value

Was sich ausnimmt wie der Titel eines neuen Science-Fiction-Thrillers ist im vorliegenden Fall nicht etwa eine zur Schäfchen- oder gar Gewitterwolke formierte Ansammlung stabiler Wassertröpfchen. Nein, the Cloud, das ist jene Wolke, die seit einiger Zeit am Himmel des World Wide Web als visionärer Net-Cumulus schwebt. Was hat es auf sich mit dem Begriff, der als aktuelles Modewort der stets verkündeten und unablässig sich vollziehenden Internetrevolution die Runde macht durch IT-Welt und Blogosphäre?
Das Prinzip der Wolke ist luftig-verlockend: Das einzige, was der User braucht, ist einen Internetzugang. Daten, Texte, Bilder und Kontakte speichert er zukünftig nicht mehr lokal auf der heimischen Festplatte, sondern online in der Cloud. Vorstellen muss man sich diese als gigantische, global gestreute Datenzentren, die den Internetnutzern mit jedem ihrer Endgeräte, sei es Laptop, iPhone oder Handy, Zugriff auf die dort gespeicherten Daten ermöglichen. Zugleich sorgt die Cloud, beispielsweise bei Apple mit seinem jüngst gelaunchten “MobileMe”, gleichsam wie ein Verteilersystem für die selbständige Synchronisation der Informationen auf allen beteiligten Geräten. Daten und Dokumente werden nicht nur gespeichert, sondern vielmehr auch online erstellt, bearbeitet und mit anderen Usern geteilt.
Microsoft, Google und Co reiten vor
Microsoft setzte im April diesen Jahres einen Impuls mit seinem Cloud-Dienst “Live Mesh”, der den Austausch von Inhalten zwischen Computern, Festplattenrecordern, Spielkonsolen und Smartphones ermöglichen soll. Apple bietet nach “.Mac” nun mit “MobileMe” Vergleichbares für den Mac, um Laptop, iPhone und iPod auf den gleichen Stand der Dinge zu bringen und miteinander zu vernetzen. Mit “Google Docs”, ähnlich auch “Adobe’s acrobat.com” und “Jooce” können Textdokumente und Tabellen online erstellt und abgelegt, kann von jedem Browser auf diese zugegriffen werden.
Ziel der Dienste ist es, so könnte man die Wolkenvision umschreiben, das Desktop des Anwenders ganz ins Web umzusiedeln, dieses dabei aber als betrachtete Benutzeroberfläche zu erhalten. Man stelle sich also vor, der User schwebt mit seinem Wohnzimmer im Open Space, merkt es aber nicht, weil er immer noch seine vertraute Blümchentapete vor den Augen hat. Oder, wie Stephen Partridge von Adobe es beschreibt: “It won’t feel as if I’ve left my desktop. It won’t feel as if I’ve left the application.”
Nokia und Vodafone ziehen nach
Nachdem diese erste Wolkenwelle von den klassischen Internetdienstleistern Microsoft, Apple, Google und Adobe angestoßen wurde, folgen jetzt auch namhafte Unternehmen der Telekommunikationsbranche in die Sphäre der webbasierten Dienste. Nokia hat gerade erst das Berliner Web-Unternehmen “Plazes” gekauft, und Vodafone bietet Handybesitzern mit dem jüngst erworbenen “Zyb” einen Cloud-Service an, mit dem von SMS-Nachrichten bis zu Kontakten alle Daten online gespeichert und – immer aktualisiert – mit Freunden ausgetauscht werden können.
Wolkige Verlockungen und nebulöse Risiken
Vor allem für Unternehmen und Anbieter von Internetdiensten stellt das so genannte Cloud-Computing eine attraktive und kostensparende Lösung dar, denn sowohl Software-Applikationen wie auch Hardware in Form von kostenintensiven Netzwerkrechnern müssen nicht mehr selbst betrieben, sondern können in Form von Kapazitäten in der Cloud angemietet werden.
Vorreiter als Dienstleister für das Cloudprinzip im großen Stile ist Amazon, das sich mit seinem Angebot nicht an den privaten Internetnutzer wendet, sondern prominenten Web-2.0.-Diensten und professionellen Betreibern von Internetseiten die Option bietet, ihre Datenbanken und Software bei Amazon laufen zu lassen. Diese sparen damit nicht nur die Anschaffungskosten für eigene Hardware, sondern eben auch Zeit und Aufwendungen für die Pflege der Servertechnik.
Dem Kostenvorteil durch Ressourcen-Effizienz bzw. Outsourcing stehen jedoch nach wie vor Bedenken im Hinblick auf Sicherheit, Servicequalität und Verfügbarkeit entgegen, wie auch James Staten vom Marktforschungsinstitut Forrester Research einräumt und jüngst die Ergebnisse einer Studie von Heise Online bestätigten.
Denn: Bei aller Leichtigkeit in den Wolken wird der Aufprall ein unerquicklich schmerzhafter sein, wenn einmal sämtliche Verbindungen zum Internet abstürzen sollten.
Anbieter von Cloud-Diensten
Zyb
Von Vodafone gekauft – ein Dienst für Handys, mit dem Mobile-Besitzer ihre Telefonkontakte, Kalender und SMS-Nachrichten online speichern, sich online mit Freunden verbinden und Inhalte teilen können. Zusätzlich ist dafür gesorgt, dass die Kontaktdaten im Mobiletelefon immer aktualisiert werden.
Plazes
Das von Nokia erworbene Plazes läuft derzeit noch in der Betaversion; über die Startseite können User sich für die Teilnahme an der Testphase bewerben. Der Dienst bietet als eine Art “persönliches Navigationssystem” oder “Menschenradar” (Berliner Morgenpost) die Möglichkeit, sich innerhalb eines Freundesnetzes darüber auszutauschen, was man gerade wann wo macht und Dates über mehrere Kanäle (Handy und Internet) zu koordinieren.
Microsoft Live Mesh
Es läuft der so genannte Tech Preview des Cloud-Dienstes; für die Teilnahme an der Testphase ist eine Anmeldung erforderlich. Live Mesh stellt 5 GB zur Verfügung, um einzelne Endgeräte miteinander zu verbinden und die Daten von Notebooks, Desktop-PCs, Spielekonsolen und Smartphones zu synchronisieren.
Apple MobileMe
Der Dienst ermöglicht die Synchronisierung von E-Mails, Kontaktdaten und Fotos zwischen verschiedenen Anwendungen. Die Daten werden zwischen Laptop, PC am Arbeitsplatz und mobilen Geräten wie iPhone abgeglichen. Die Apple-Cloud stellt dem User 20 GB Speicherkapazität zur Verfügung.
Google Docs
Ausgestattet mit einer intuitiven Benutzeroberfläche bietet dieser Dienst an, Anwendungen online vorzunehmen, die normalerweise eher mit dem Offline-Modus verbunden werden, z.B. die Erstellung von Texten, Tabellen, Präsentationen, die dann wahlweise online oder lokal gespeichert werden können.
Adobe Acrobat
Noch in der Betaphase befindlich, können Dokumente hier online in der Cloud gespeichert, Texte online in PDF umgewandelt werden.
Jooce
Bei Jooce wird jedes Dokument immer auch online in der Cloud gespeichert, so dass der User stets und von jedem Internetzugang aus Zugriff auf seine Daten hat.
Network.com / Blender 3D
Dieser Dienst ist hauptsächlich für das Rechnen wissenschaftlicher Datenmengen vorgesehen.
Evernote
Auch noch in der Betaphase befindlich ist dies ein Dienst, um mit dem Mobile Phone Schnappschüsse zu fotografieren und diese dann auf den Cloud-Server hochzuladen.
Live Search
Eine Suchmaschine für Mobiltelefone
Twitterfone
Der Dienst nutzt Spracherkennung, um online gesprochene Nachrichten in ‘tweets’, die Kommunikationsform bei Twitter, umzuwandeln.
Blist
Eine Cloud-Anwendung für Videos und Design
Picnik
Macht Fotobearbeitung online möglich und bietet u.a. Werkzeuge zum Retouchieren von Photos an.
Photoshop Express
Die Cloud wird genutzt, um Fotos online zu speichern und ist ausgestattet mit Werkzeugen zur Photobearbeitung.
Mehr zum Thema
Über Microsoft “Live Mesh” (23.04.08)
Das Internet wird zur “Cloud” (23.02.2008)
Aus .Mac wird MobileMe. Apples Schritt in die Cloud (10.06.2008)
Cloud Computing. Internetgiganten kämpfen um die Wolke (05.05.2008)
6. August 2008
Coole Übersciht! Ein sehr interessantes Projekt, das mir hier noch fehlt, ist simfy.com. Damit hat man seine MP3s überall zur Verfügung und kann sie auch noch legal mit Freunden teilen…
8. August 2008
Hallo Tobias, vielen Dank für netten Kommentar und Ergänzung!
Guter Hinweis mit simfy (http://simfy.de/), wurde gleich mal inspiziert!
Apropos Music-Sharing und Social Networking via Musik: Da dürfte Dich Olinda interessieren – der total coole Prototyp eines Radios (nicht nur wegen der Idee, auch im Hinblick auf das Design), das es möglich macht, mit Freunden gemeinsam Radio zu hören und Frequenzen auszutauschen: http://www.webbusiness20.de/2008/07/08/komm-zeig-mir-deine-frequenz/
18. September 2008
Gut gemachter Artikel mit einer interessanten Liste von Beispielanwendungen und –diensten in Sachen Cloud Computing. Die Microsoft Live Search für Mobiltelefone zumindest kann ich dem Thema aber noch nicht wirklich zuordnen. Es ist doch letztlich nur zentraler Pull-Dienst (live schickt dem User die Suchergebnisse, die auf den MS-Servern berechnet wurden, auf das Mobiltelefon) ohne Sharing-Ansatz oder der Möglichkeit, Daten in der „Cloud“ zu speichern, berechnen zu lassen oder zu diskutieren. Aber Cloud und „Cloud Computing“ sind natürlich auch dehnbare Begriffe, und die Definitionen gehen ja momentan durchaus noch auseinander.
PS: In Sachen online music sharing ist auch das noch relativ neue tunesbag.com interessant.
25. September 2008
@Ared Dank für die Korrektur-Ergänzung und den Hinweis auf tunesbag.com – scheint auf den ersten Blick weitgehend vergleichbar mit simfy.com zu sein. Da müsste man glatt mal etwas genauer recherchieren…
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