Komm, zeig mir Deine Frequenz!
8. Juli 2008 | Pamela Moucha
Wie hat man sich wohl vor 50 Jahren das Design eines Radios im Jahre 2008 vorgestellt? -
So wie Olinda, könnte die passende Antwort auf diese Frage lauten.
Frisch der Londoner Designschmiede “Schulze & Webb” entsprungen, sieht diese digitale Innovation aus wie ein Requisit für Raumschiff Orion oder eine Reminiszenz an den Krankenhaus-Chic der 60er Jahre. Ohne Zweifel, das hat seine Klasse…
Mit Olinda wird der Prototyp eines Digital Audio Broadcasting (DAB) Radios vorgestellt, das über eine besondere Funktion zum Austausch verfügt. Sechs Leuchttasten auf der Vorderseite des Geräts können sozusagen als Kanäle für jeweils einen Kandidaten zum “Music-Sharing” reserviert werden. Die Stationslämpchen leuchten, sobald auch einer der verbundenen Hörer sein Radio eingeschaltet hat. Auf die Frontfläche über den einzelnen Leuchtbuttons kann man den Namen derjenigen kritzeln, mit denen man das synchrone Hörfunken betreibt.
Der voll funktionsfähige Prototyp wurde im Auftrag von “BBC Audio & Music Interactive R&D” entwickelt. Noch empfängt Olinda nur DAB-Rundfunksignale, verfügt aber prinzipiell auch über die Möglichkeit fürs Internet bzw. Streaming Audio.
Social Network in der Hardware
Der besondere Clou des geteilten Radiogenusses liegt darin, dass über ein Display angezeigt wird, welche Frequenz der via WiFi Zugeschaltete gewählt hat. So können Radiobesitzer sich inspirieren lassen von dem, was die Freunde im Hörfunk interessiert, über Entfernung mit diesen gemeinsam hören und neue Programme entdecken, kurz: sozialen Austausch übers Radiogerät pflegen. Nicht von ungefähr wurde der Prototyp daher als Musterbeispiel für “Social Networking im physischen Produkt” entworfen, so die Entwickler.
Was hier en passant in der Beschreibung mitschwingt, ist bei näherer Betrachtung geradezu spektakulär. Während Social Networking in zunehmendem Maße mit Mobilität und Ortsunabhängigkeit verbunden ist, verstärkt durch mobile Services und steigende Online-Funktionalitäten von Handy und iPhone, wird hier das soziale Netzwerken wieder ganz in die Hardware zurück verlegt. Den Designern geht es mit Olinda um nichts Geringeres als den Anstoß zu einer “Diskussion über die Zukunft und das Design des Heimradios”.
Modularitäts-Prinzip
Ein weiteres auszeichnendes Merkmal des Geräts ist seine modulare Konzeption. An einer Seite ist der Prototyp mit einer Reihe von Steckverbindungen, sozusagen einer “hardware API” ausgestattet, über die Olinda beliebig erweitert, ergänzt oder in andere Hardwaresysteme integriert werden kann. Die Inspiration für dieses Prinzip der freien Erweiterbarkeit durch den “Radio-User” haben die Erfinder durch das Web bekommen, das sie ausdrücklich als Lehrmeisterin für ihre Entwicklung bezeichnen. Eine weitere Parallele: Auch mit Olinda setzt man, wie im Web – YouTube und Flickr stehen dafür Pate – auf das kreative Potenzial der User und deren Lust, gestalterisch und innovativ mitzumischen.
Der Radiohörer der Zukunft
Primäre Zielgruppe von und für das Radio mit dem Labor-Charme ist die sogenannte “Gen C” oder die Content generierende Generation, wie man sie auch nennen könnte. Das sind jene web2.0-affinen User, die selber entwickeln und entwerfen wollen, die “young design-literate opinion-formers”, wie Schulze & Webb ihre Hauptzielgruppe nennen.
Eines der höheren Ziele der Entwicklung sei das Radio als Kommunikationsstifter. Für einen Zuhörer also, der nicht bloß Zuhörer, einen “Listener”, der nicht nur “Listener”, sondern vielmehr “Hearer” ist: “an active participant in a broadcast, discussing and reacting to the radio with other hearers … instead of isolated listeners all consuming radio independently from one another”.
Dem so stylischen wie innovativen und vorausschauenden Stück Strategie-Design möge die gewünschte Wirkung vergönnt sein.
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Weiterführende Links:
Homepage der Schulze & Webb LtD in London, UK
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