Deutscher Fußball 2.0
6. Juli 2010 | Oliver Bargfeld
Wir erleben gerade einen neuen deutschen Fußball: unfassbar gutes und präzises Kurzpassspiel, Angriffskombinationen, die überraschend und kreativ sind und eine nie gesehene Teamleistung.
Was ist passiert? Warum spielt die deutsche Mannschaft so anders und neu?
Qualitäten des Web 2.0
Es ist nicht das deutsche “Turnier-Mannschafts-Phänomen”. Es ist viel größer als das. Jogi Löw hat den deutschen Fußball repositioniert. Das Ganze erinnert an eine Repositionierung mit Qualitäten des Web 2.0.
Perfektes Team-Play
Wir erleben ein perfektes Team-Play, das die Mannschaft, die Gruppe zum neuen Helden erhebt. Wir sind weg von dem statischen, fehlerbehafteten Fussball-Apparat mit einzelnen starken Helden. Die Patriarchen gibt es nicht mehr, jeder ist dem Team verpflichtet. Deshalb fällt es auch so schwer, Michael Ballack zu vermissen. Es liegt nicht daran, dass man ganz gut ohne ihn auskommt. Es liegt daran, dass er da nicht mehr reinpasst. Diese Mannschaft lebt nicht mehr mit dem Fußball-Dirigenten, der Elite, die alles richten und bestimmen will.
Schwarmintelligenz
Es ist nicht nur die Stärke einer Gruppe, die im deutschen Team besonders funktioniert, es ist die Qualität, die diese Gruppe als Ganzes hervorbringt – bei einigen Kontern darf man ohne zu übertreiben von Schwarmintelligenz sprechen, die uns so häufig staunen lässt. Wir erleben durch den Willen zum Zusammenspiel, durch das außergewöhnliche Networking, neue Spielzüge, die Millionen Menschen begeistern. Ein einzelner Spieler ist nicht in der Lage, diesen Effekt zu erzielen. An Argentinien sahen wir, wie verwundbar das alte System ist. Schaltet man den einen Helden Lionel Messi aus, gibt es keinen Ersatz, die Mannschaft geht unter. Wenn das Team aber eine starke Community ist, können Einzelspieler kaltgestellt werden, die Gruppe bleibt dennoch stark.
Kollektive Genialität
Zu Beginn der WM waren wir alle sehr überrascht, mit welch jungem Team wir in Südafrika antreten. Im Nachhinein ist es aber kein Wunder, denn diese Repositionierung wäre mit den alten Machtstrukturen auf dem Platz nicht umsetzbar gewesen. Was diesmal zählt, sind nicht die Orden und Abzeichen, sondern die Fähigkeit zur kollektiven Genialität. Jedes Mitglied übt seine Funktion aus, denkt immer für den anderen Spieler mit und lässt dadurch fußballerische Lösungen entstehen, die nur in der Kombination machbar sind. Dadurch erleben wir eine neue Kultur, wir erleben neue Spiel-Features und einfach genialen Fußball.
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