Entschärft die “Die digitale Bombe”
19. Juli 2010 | Horst Brandl
Heute zeigt Arte den Film “Die digitale Bombe” von Filmemacher und Grimme-Preisträger Hermann Vaske. Er ist vom Web 2.0 begeistert. Er vergleicht die “digitale Revolution” mit dem Wandel der Industrie und Mobilität im 19. Jahrhundert – als Kutschen von Motoren abgelöst wurden.
Unter anderem kommen Experten zu Wort. Unter anderen Andrew Keen, Autor des Internet-kritischen Buches „Die Stunde der Stümper“.
Ich meine: Manche Aussagen verlangen eine Anmerkung.
Andrew Keen: Das Web 2.0 ist eine Verblendung. Große kulturelle Vorteile werden versprochen und die Demokratisierung der Kultur wird angepriesen.
Horst Brandl: Viele Informationen, die diktatorische oder auch demokratische Staaten zu verschleiern versuchen, kommen durch das Internet an die Öffentlichkeit, bspw. Durch Wiki-Leak.
Andrew Keen: Angeblich kann jeder seine eigenen Erfahrungen veröffentlichen – und sogar daran verdienen.
Horst Brandl: Beispiele dafür gibt es zuhauf: Von Bands, die ihre Musik den Fans direkt anbieten, weil sie von Musiklabels nicht akzeptiert wurden, bis zu Leuten, die mit lustigen Videos auf Youtube mit Geld verdient haben.
Andrew Keen: Meines Erachtens ist es aber eine Lüge, dass durch das Web 2.0 Einkunftsmöglichkeiten für neuartige Medienberufe entstehen.
Horst Brandl: Wer sonst gestaltet die neuen Medien?
Andrew Keen: Stattdessen ist es ein Todesurteil für die traditionellen Medien. Man kann die gegenwärtige Krise des Journalismus’ oder der Musikmedien nicht ausschließlich auf das Web 2.0 zurückführen, da es sowohl Ursache als auch Ergebnis der neuen Entwicklung ist. Aber die Web 2.0-Revolution wird Zeitungen, Zeitschriften, Bücher, die Musikbranche, die professionellen Medien im Allgemeinen vernichten.
Horst Brandl: Das Web 2.0 wird teilweise einen Umbruch herbeiführen, ähnlich wie das Fernsehen Einfluss auf das Kino genommen hat, aber auch als das Fernsehen erfunden wurde, sagte man dadurch den Tod der Kinos voraus. Informationen werden weiterhin konsumiert, Musik weiterhin gehört und diese Inhalte werden nicht vom Web 2.0 generiert, sondern nach wie vor von Journalisten und Musikern.
Andrew Keen: Gleichzeitig gewinnen die vom Mob beherrschten Amateurmedien im Internet an Bedeutung und Informationen werden immer unzuverlässiger. Wir werden eher beraubt als bereichert, und so führt die technologische Revolution zur kulturellen Verarmung der Menschheit.
Horst Brandl: Das ist eine Gefahr! Je eher wir uns dessen bewusst sind, desto schneller können wir gegensteuern.
Andrew Keen: Leider haben die traditionellen Medien noch kein funktionierendes Geschäftsmodell gefunden, um dieser Entwicklung zu begegnen. Bei diesem Thema bin ich gespalten. Auf der einen Seite bin ich misstrauisch, wenn es um die Kommerzialisierung von Inhalten im Internet geht. Auf der anderen Seite möchte ich natürlich, dass Produzenten und Autoren für ihre Werke bezahlt werden. Wenn sich ein Produkt jedoch nicht bezahlt macht, wenn kein Profit daraus erzielt werden kann, verdienen kreativ tätige Menschen wie Fernsehproduzenten, Schauspieler, Drehbuchautoren, Schriftsteller, Musiker und Filmemacher nichts mehr.
Horst Brandl: Wird der Wert des Produktes nicht wieder steigen, wenn es
Mangel gibt? Will heißen: Wenn nur noch schlechte, billige Filme auf den Mark kommen, wird für einen guten Film niemand bereit sein, mehr zu bezahlen?
Andrew Keen: Funktioniert die Theorie von der Weisheit der Vielen, die angeblich für die beste Qualität sorgt? Oder bringt sie doch nur Vulgarität und Dummheit hervor?
Horst Brandl: Vielleicht nicht Vulgarität und Dummheit, aber den kleinsten gemeinsamen Nenner und der rangt nicht hervor, bringt keine Neuheit, nichts Außergewöhnliches.
Andrew Keen: Ich verabscheue die kulturelle Arroganz der Idealisten aus Silicon Valley, die meinen, sie hätten alle Probleme der Menschheit gelöst. Das erinnert mich an den Bolschewismus und die Französische Revolution! Auch damals glaubten die Menschen, alle Probleme durch den Klassenkampf lösen zu können. Heute vertraut man auf den technologischen Klassenkampf, aber ich glaube nicht an einfache Lösungen für komplexe Menschheitsprobleme.
Horst Brandl: Eine Lösung zu finden, ist eine Sache, die Menschen dafür zu begeistern eine andere. Wir sollten zweifellos nicht kritiklos der Moderne nachlaufen, sondern über unsere Werte nachdenken und diskutieren. Beispielsweise beim Datenschutz, Leistungsschutz, Urheberrecht, usw. Aber auch hier kann das web 2.0 hilfreich sein, wenn wir es richtig nutzen.

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